1 Jahr Stimme finden

1 Jahr Tarifkonzeptkampagne der Medienpädagogik

Was bisher geschah:

Im Herbst 2019 machte ich mein Prekariat beim Medienpädagogik- Praxiscamp in Leipzig öffentlich. „Bin nur ich prekär und mache etwas falsch, oder ist es die Branche?“, fragte ich. Anscheinend eine Frage, die zur richtigen Zeit gestellt wurde. Das war mein Einstieg in die Diskussion über die Arbeitsbedingungen der Medienpädagogik, oder wie ich es insgeheim nenne: In den medienpädagogischen „Arbeitskampf“.

Die beiden Freiberufler*innen Michaela Weiß und Stefan Koeck initiierten mit mir eine Gruppe, die sich dem „Tarife-Thema“ annahm. Bereits einen Monat später, beim GMK-Forum in München, waren wir nicht mehr nur drei, sondern schon 12 engagierte Medienpäds, die das Thema voranbringen wollten.

Aus dieser Zeit gibt es zwei Sätze, die mir besonders im Kopf hängen geblieben sind: „Wir brauchen einen langen Atem“, sagte Stefan Koeck einmal zu mir, dem schon damals etwas bewusster war, als mir, was wir da eigentlich vor hatten. Über den Satz: „Es ist eine gute Zeit für uns und die Medienpädagogik“, waren wir uns alle einig. Der Ausbruch der Corona-Pandemie wenige Monate später, sollte uns bestätigen. Aber nun erst von vorne:

Medienpäds versammelt euch!

Im ersten Schritt ging es uns um eine gemeinsame Plattform und darum, so viele Medienpäds, wie möglich, zu erreichen. Gar nicht so einfach, bei einem so diversen und verstreuten Berufsfeld.

Unterstützt von Michaela und Stefan schrieb ich den Aufruf „Eine Stimme für die Medienpädagogik“, der im Medienpädagogik-Praxisblog veröffentlicht wurde. Es ging darum, unsere Kollegis zu erreichen, zu aktivieren und zu versammeln.

Eine Anlaufstelle dafür ist die GMK, als Fachverband für Medienpädagogik und Kommunikationskultur. Es wurde die „Tarifkonzeptkampagne-Gruppe“ gegründet, die rasch von 12 auf 35 Menschen anstieg. Natürlich bei weitem nicht genug, aber ein Anfang.

Die Frage aber bleibt: Wie erreichen wir unsere Kollegis, die nicht GMK-Mitglied sind? Gibt es eine gemeinsame Austauschplattform der Medienpädagogik?

Zunächst ging es uns um die Erfassung der Erfahrungen und Bedürfnisse unserer Kollegis, sowie um die Überprüfung unserer Thesen. In gruppeninternen Pads und im öffentlichen Padlet (für nicht- GMKler*innen) sprachen wir das erste Mal offen über Geld, darüber, ob unser Beruf geschützt werden sollte, über Qualifikationen und Ausbildungswege, über Gewerkschaften und über medienpädagogische Arbeit.

Wir stellten fest: Unsere Annahmen sind richtig. Die Medienpädagogik hat ein Problem. Die Arbeitsbedingungen sind nicht fair und nicht geregelt. Und: Unsere Arbeit ist stark gefragt, doch v.a. Projektbezogen, punktuell und unterfinanziert.

Dieses Zitat aus dem gemeinsamen Definitions-Pad, fasst unsere Situation im Allgemeinen sehr gut zusammen:

Was ist unsere aktuelle Situation?

prekär 
befristete Stellen
außerhalb der Universitäten und staatlichen Einrichtungen wenig Ansehen
freiberufliche Tätigkeit mit Mini-Projekten
wenig feste Stellen in Entwicklungspositionen
Unwissenheit über uns und unsere Kompetenzen / unseren Mehrwert
Gelder über Vereine, Fördermittel,… (zum Leben zu wenig zum Sterben zu viel)“

Und dann kam Corona…

… und auf einmal mussten wir uns erstmal um uns selbst kümmern. Wir drei Initiator*innen sind Freiberufler*innen, wir haben keinen Schutz unserer Arbeitgebenden. Einige von uns fielen als Soloselbstständige durch die Soforthilfen und bangten um ihre Existenz. Es dauerte eine Weile, bis wir uns wieder gefangen hatten.

Trotzdem versuchten wir weiterhin, die Lage der Medienpäds zu erfassen. Ein weiteres Pad zur Corona-Situation wurde angelegt und eine Studie gestartet.

Die Arbeit zu unseren Arbeitsbedingungen ging dezentral weiter.

Auf einmal erlebten wir auch den, von uns Medienpäds lang ersehnten, Boom in der Digitalisierung der Bildung. Auf einmal brauchten alle Medienkompetenz und unsere medienpädagogische Arbeit. Auf einmal waren wir auf dem Schirm unserer Kolleg*innen und Auftraggebenden.

Aus kollegialen Telefonaten und dem GMK-Plauderraum ging die Idee zu einer Social-Media-Kampagne der Medienpäds hervor. Unter #wirsindgmk und #VonBerufMedienpaed sollten Medienpäds sich selbst und ihre Arbeit mit Statements zeigen, was einige taten. Diese Kampagne ist zeitlos, also zeigt gerne weiterhin Gesicht und eure Arbeit. Eure Kollegis könnt ihr z.B. hier sehen: https://www.gmk-net.de/publikationen/kampagnen-alt__trashed/social-media-kampagne-fuer-gmk-mitglieder-und-akteurinnen-der-medienpaedagogik/

Das Merz-Magazin – medienpädagogische Fachzeitschrift – veröffentlichte eine Ausgabe zum Beruf des Medienpäds. Kai-Uwe Hugger nimmt in seinem Beitrag Bezug zum Praxisblog-Artikel und greift unsere Anliegen auf. In diesem Beitrag wird der Beruf des Medienpäds theoretisch betrachtet. Die Ausgabe ist kostenlos downloadbar: https://www.merz-zeitschrift.de/alle-ausgaben/details/2020-02-beruf-medienpaedagog-in/

Für die Online-Veranstaltung #Digitalitaet20 unter der Schirmherrschaft von Dorothee Baer produzierten vier Medienpäds gemeinsam einen Aufruf zur Notwendigkeit der Medienpädagog*innen. Das Video kann hier nachgesehen werden: https://digitalitaet20-impulse.de/?p=4013

Die Ergebnisse der Studie zur Auswirkung der Corona-Pandemie auf die Medienpäds können hier nachgesehen werden: https://forms.office.com/Pages/AnalysisPage.aspx?id=hxwhtKLpI0SUA0414To2U5ydy-BKm5tCluMxFInxbVRUMEkwRTdHOTQ3TUM4NjlCMElDMVpQSUI5US4u&AnalyzerToken=qBfowfayexaI605ZLRmtsK6ZBNdWOSje

Auf dem GMK-Forum 2020 wurde in diversen Impulsvorträgen die Forderung nach fairen Arbeitsbedingungen für Medienpäds genannt, ganz nebenbei, ohne vorherige Absprachen und aktive Mitgliedschaft in der Tarife-Gruppe.

So breitete sich die Forderung nach fairen Arbeitsbedingungen langsam aus. Sie sollte immer wieder ausgesprochen und selbstverständlich werden.

Und trotz allem bleibt die große Frage: Warum spricht trotz Digitalisierungsboom der Bildung niemand in der breiten, gesellschaftlichen, Öffentlichkeit von Medienpädagogik und den dazugehörigen Fachkräften? Warum spricht in der breiten, gesellschaftlichen, Öffentlichkeit noch immer niemand von Medienpädagog*innen?

Wohin geht es?

Worin sich immer mehr Medienpäds einig werden: Es braucht eine gemeinsame Stimme, es braucht eine stabile Basis, es braucht eine gemeinsame Lobby.

Wir fragen uns: Wie kommen wir dort hin?

Eine Gefahr dabei ist, dass wir uns in Diskussionen verrennen und sich zu viele einzelne Gruppen bilden, die eigentlich alle das selbe wollen und doch nicht zusammen arbeiten. Wir müssen unsere Ideen und Kräfte bündeln und gemeinschaftlich vorgehen. Wie kann das gelingen? Wie können wir uns gut organisieren? Wie können wir unsere eigene Blase festigen und über unsere Blase hinaus wirken?

Eine weitere aktuelle Überlegung ist der Anschluss an Gewerkschaften. Dabei müssen wir uns fragen: Was kann eine Gewerkschaft für uns tun? Zu wem passen wir, zu Verdi, zur GEW, oder jemand ganz anderes? Wer umfasst die Freiberufler*innen, die Festangestellten, die Praktiker*innen und die Wissenschaft? Nadine Berlenbach aus dem GMK-Vorstand und der Tarifkonzept-Gruppe hat sich dem Thema angenommen, führt Gespräche mit dem DGB und wird zeitnah über die Erkenntnisse berichten.

Die Tarifkonzept-Gruppe erfasst weiterhin die Erfahrungen, Ideen und Bedürfnisse und bündelt sie auf diesem aktuellen Pad: https://zumpad.zum.de/p/TarifeDiskussion_Mp%C3%A4d

Wir möchten unsere gemeinsame Arbeit wieder- und weiter beleben Also schreibt euch die Finger wund und arbeitet mit uns zusammen!

Mach mit!

Wir suchen immer Menschen, die sich auch im nächsten Jahr mit uns zusammentun, um den Wunsch nach fairen Arbeitsbedingungen zu erfüllen. Wir brauchen Ideen und Power, je mehr wir sind, desto wirksamer – also macht mit!

  • Tretet der GMK-Gruppe aktiv bei
  • Füllt das aktuelle Pad (auch für nicht GMKler*innen!)
  • Folgt euren Medienpäd-Kollegis auf ihren Kanälen und vernetzt euch
  • Nutzt eure eigenen Kanäle und Netzwerke und macht uns Medienpäds sichtbar
  • Macht unser Thema zu eurem Thema und erzählt es allen, die es (nicht) hören wollen
  • Sammelt Ideen für nächste Schritte und arbeitet aktiv mit uns zusammen. Ihr könnt euch auch direkt bei lili@allesmeko.de melden, wenn ihr konkrete Ideen und Vorschläge habt, oder euch mehr im Initiator*innen-Team einbringen wollt. Wir freuen uns!

Zum Jahresabschluss…

… nun noch ein paar persönliche warme Worte. Ich selbst hätte nie ahnen können, was eine simple Frage nach fairen Arbeitsbedingungen auslösen kann. Ich bin so dankbar für jede einzelne Person, die mitmacht, für jedes Telefonat, jede bestärkende Email, Gruppen-, Messenger-Nachricht, jeden Tweet, Kommentar, jeden Instapost, jede Videokonferenz.

Dass politische Zusammenarbeit so dezentral möglich ist, mit wenigen Menschen und während eines Ausnahmezustandes, ist großartig, wertvoll und macht Mut! Dass, trotz allem, sich individuell und gemeinschaftlich dem Thema angenommen wird und weitergedacht wird, ist wundervoll!

Ich wünsche mir, dass wir zusammen den „langen Atem“ halten können, dass wir mehr werden und weitermachen können. Ich wünsche mir, dass wir weiter zusammen wachsen und unsere Forderungen erreichen können.

Doch zunächst bin ich auch einfach mal sehr zufrieden und dankbar für das, was wir haben und was bisher geschehen ist!

Auf einen guten Jahresabschluss, eine erholsame Zeit und einen tollen Start ins neue Jahr! Seid stolz auf euch und dankbar, ich bin es!

Liebste Grüße an euch, ich drücke euch fest!

Lili Ewert

* Freiberufliche Medienpädagogin und Mitinitiatorin Tarifkonzept-Kampagne

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