Eine Stimme für die Medienpädagogik

Mein Weg in die Tarifkonzept-Kampagne

Als ich Mitte 2018 begann, meine medienpädagogische Selbstständigkeit auszuleben und meinen Beruf und meine eigene Arbeitsweise zu finden, stellte ich fest: Medienpädagog*innen werden gebraucht! Egal ob an Schulen, in Jugendzentren, in Stiftungen, in Medienzentren, in Altenheimen… überall werden Menschen benötigt, die der Gesellschaft dabei helfen können, das Mediensystem zu verstehen und mit Medien umzugehen.

Gleichzeitig bemerkte ich auch, dass trotz Bedarf, der Begriff und die Arbeit der „Medienpädagogik“ nicht klar ist: Sind das jetzt Leute, die mein Smartphone und meinen PC einrichten? Sind das Menschen, die mit Jugendlichen über Cybermobbing reden? Müssen wir einen voll digitalisierten Unterricht anbieten? Oder machen wir jetzt alle Filme und Podcasts?

Wurde ich für Jobs angefragt, bekam ich oftmals eine riesig lange Wunschliste – auf die ich enorme Lust hatte! Doch die Zeit, das Geld, die Strukturen machten es mir unmöglich, diese Bedürfnisse zu erfüllen und gleichzeitig meine Miete zu bezahlen. Anfang des Jahres 2019 musste ich viele Jobs aufgrund der strukturellen Verhältnisse ablehnen, viele Diskussionen über jeden zusätzlichen Euro führen, viel erklären, was mein Beruf ist und was bezahlt werden muss. Würde ich Jobs wie bspw. Medien AGs an Schulen annehmen, für die ich eine Stunde quer durch die ganze Stadt fahre, für zwei Stunden einmal in der Woche für 50 Euro… dann würde ich nicht nur meine Woche sprengen und könnte keine nachhaltige Medienbildung leisten – ich würde auch enormes Lohndumping betreiben. Ende des Jahres 2019 musste ich aber aufgrund meiner Finanzen auch gering bezahlte Jobs annehmen, ob Lohndumping oder nicht.

Wir sind noch nicht soweit in der Medienpädagogik, dass wir einheitliche Arbeitsverhältnisse haben – ich weiß gar nicht, ob das überhaupt möglich und gewollt ist. Wir sind so wunderschön divers, dank der Digitalisierung kamen Menschen wie ich überhaupt in diesen Beruf. Es gibt keine einheitlichen Ausbildungswege in die Branche – wir alle gehen unseren eigenen Weg und lernen v.a. in der Praxis, was medienpädagogische Arbeit genau ist. Und es ist bei uns eben (noch) nicht so, dass wir Mindestlöhne für Workshops haben, wie beispielsweise Handwerker*innen, die uns die Fenster neu machen und nach 20 Telefonaten auch die letzte Firma sagt: „Unter diesem Preis bekommt ihr niemanden“.

Ich machte mich also auf die Suche nach dem Problem. Auf dem Medienpädagogik-Praxis-Camp 2019 in Leipzig stellte ich die Frage vor über 100 Medienpädagog*innen: „Mache ich was falsch? Bin nur ich prekär, oder ist es die Branche?“ Mir begegnete enormes Interesse, sehr viel Solidarität und ich stellte fest: Ich bin nicht alleine. In Zusammenarbeit mit vielen weiteren Medienpädagog*innen auf dem GMK-Forum 2019 in München wurde dieser Eindruck noch ver – und bestärkt. Das Thema betrifft uns alle. Wir kommen als Branche in eine neue Findungsphase. Es wurden in der Vergangenheit schon viele tolle Gedanken zu Qualität, Definitionen und Arbeitsfeldern entwickelt – aber es gibt noch keine fairen (einheitlichen) Rahmenbedingungen für unsere Arbeit, es gibt noch keine gemeinsame Stimme der Medienpädagogik.

Zusammen mit den beiden freiberuflichen Medienpädagog*innen Michaela Weiß und Stefan Koeck startete ich im Herbst 2019 die Initiative zu einer Tarifkonzept-Kampagne. Wir möchten Medienpädagog*innen zusammenbringen, um diese Lücke zu schließen. Wir möchten Plattformen zur Zusammenarbeit bieten und gemeinsam erarbeiten, wer wir sind, was unsere Arbeit ist und was wir brauchen, um nachhaltige und ganzheitliche Arbeit leisten zu können. Die Initiative ist bereits angelaufen und wir laden alle Medienpädagog*innen herzlich dazu ein, sich zu beteiligen.

Auf dem Medienpädagogik-Praxisblog ist dazu ein Artikel / Aufruf entstanden. Zur Zusammenarbeit gibt es ein Projekt auf der internen Mitglieder*innen-Plattform der GMK (Gesellschaft für Medienpädagogik und Kommunikationskultur; Dachverband der Medienpädagogik) und ein öffentliches Padlet. Alle sind Willkommen, jeder Beitrag wird gebraucht.

Was nun im Jahr 2020 und den weiteren Jahren passieren wird? Wir werden sehen – wir stehen am Anfang. Aber auch nicht ganz, die Medienpädagogik gibt es schon lange und eines ist gewiss: Langfristig wird sie ein fester und wichtiger Bestandteil des Sozialen Bereichs sein, wie Inklusion, Diversität und Anti-Diskriminierung. Wie unsere Arbeitsverhältnisse dann aussehen, haben wir nun erst einmal selbst in der Hand, indem wir uns gemeinsam für Fairness und unsere Branche einsetzen.

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