Menu

Der Weg in die Öffentlichkeit

Ein theaterstückiges Selbstgespäch.

Von mir. Mit mir.

Vorwort.

„Dein Leben ist dein Leben. Mach was draus. Sag‘s einfach. Mach dich frei!“

“ Jaja.. ich bin ja schon dabei. Es ist halt nicht so leicht.“

Im Café in meinem Kopf:

„Wie läuft‘s mit dem Gang in die Öffentlichkeit?“

„Schleppend.“

„Warum?“

„Warum? Warum? Weißt du, wie schwer das ist? Da gibt es tausend Dinge zu bedenken“

„Also wenn ich mir die heutigen Influencer!nnen ansehe, wirken deren Inhalte nicht so durchdacht.“

„Klar ist das durchdacht! Da steckt oftmals eine riesen Maschinerie dahinter. Okay.. Vielleicht hat‘s mal harmlos angefangen, unbedacht, ganz bestimmt sogar…“

„Bisschen Playback bei Musical.ly gesungen und kleine Videos gemacht, bis alle meinten, hey das ist eigentlich ganz geil…damit lässt sich Kohle machen!“

„Ja und so was will ich ja nicht.“

„Ah, Ansprüche…“

„Na klar! Ich will nicht im Internet playbacksingend verewigt werden! Ich will was für mich sinnvolles machen! Einen Beitrag zur Welt leisten!

„Ah, eine von diesen Weltverbesserern…“

„Na klar! Willst du die Welt nicht zu einem besseren Ort machen? Aber mal davon abgesehen:
Ich bin kein Teenager mehr und auch nicht mehr Anfang 20. Manchmal wünsche ich mir das, dann würde ich vielleicht weniger nachdenken und mehr machen.“

„Worüber denkst du denn nach zum Beispiel?“

„Zum Beispiel darüber, wie schwer es ist, in einem öffentlichen Online-Blog das zu sagen, was ich möchte.“

„Ach ja?“

„Ja! Das fängt schon in der Wortwahl und der Schreibweise an. Wie schreibe ich? Locker? Seriös? Gendere ich? Wie gendere ich?
Sag ich jetzt man oder mensch? Bin ich allgemein diskriminierend in meiner Sprache oder rassistisch oder sexistisch in meiner Wortwahl? Denn das will ich natürlich nicht sein! Ich will auch nicht kompliziert sein und mich kurz halten, manchmal geht‘ s aber halt nicht anders. Also natürlich denke ich darüber nach, was ich sage und vor allem wie,  damit es ankommen kann. Es kennen mich ja nicht alle. Verstehen die Leute meinen Humor…?

„…der Schräg ist..“

„…und ich will ja auch gar nicht, dass mich alle kennen.
Es geht mir ums Werk und da ist ja das nächste Problem! Denn in dieser Welt ist es doch nun leider einmal so, dass Menschen Menschen brauchen! Wollen! Sie wollen wissen, wer das Werk gemacht hat. Warum? Was wollte die Künstlerin uns damit sagen? Wer ist sie? In welchem Zusammenhang wurde der Text verfasst? Überhaupt dieser Zusammenhang, aus dem alles willkürlich gerissen wird…“

„…um Sachen und Menschen in den in den Mittelpunkt zu stellen, die gar nicht dort hin gehören, weil es eigentlich um was anderes geht.“

„Will ich das? Eigentlich bin ich lieber im Hintergrund.“

„Aber nur im Vordergrund kannst du etwas erreichen.“

„Jaha die ominöse Reichweite. Was bedeutet das? Du bist reich an Weite die grenzenlos weit reicht.“

„Vor allem erreichst du viele Menschen! Im Vordergrund und mit Reichweite kannst du Influencerin werden, was bewegen, beeinflussen.“

„Will ich das? Will ich beeinflussen? Will ich Influencer!n sein?!“

„Bist du nicht eine von den Weltverbesserinnen? Außerdem: Alle wollen Influencer!nnen sein!
Viele Mensch — Viele Klickzahlen -– viel Geld -– viel Einfluss, so funktioniert‘ s halt“

„Pfff… Streben nach Einfluss…Geld… Ursprünge vielen Übels auf dieser Welt.
Einfluss … Geld… Wert… bemessen an Klickzahlen, so merkwürdig.
Zahlen! Wieso wird der Wert einer Arbeit oder einer Handlung immer an Zahlen gemessen? Wieso überhaupt bewertet?  Ist eine Folge „Berlin Tag und Nacht“ relevanter, mehrwertiger, hochwertiger, nur weil sie von 100.000 Menschen mehr gesehen wurde, als ein Videointerview einer Schülizeitung über das Leben mit Behinderung, das von 6.000 Menschen gesehen wurde- bzw der ganze Channel „nur“ 500 Leute erreicht?“

„Apfel mit Birnen-Vergleich.“

„Was ist wichtig? Was ist wertvoller – wertloser? Was ist Wert? Was ist überhaupt vergleichbar?“

„Du schweifst ab.“

„Ach, bis hierhin lesen die Leute doch eh nicht. Ich werde doch eh nicht bis zum Ende konsumiert/gelesen/gehört/gesehen/gedacht.
Die Menschen haben keine Zeit mehr und keine Lust mehr lange Sachen zu sehen.“

„Wer sagt das?“

„Na die Zahlen! Hier, die Erforschung des Nutzungsverhaltens, des Medienkonsums usw.“

„Ja, der Trend geht zu Häppchen und zu Lasten der Longreads.“

„Aber ich mag ja beides.“

„Ja, Aber du musst dich schon ein bisschen einschränken, ein bisschen festlegen, wenn du jetzt für die Öffentlichkeit produzierst. Du musst schon wissen, für welches Publikum du publizierst. Kenne dein Publikum!“

„Woher soll ich das denn kennen?“

„Na, zumindest solltest du wissen, wen du erreichen willst.“

„Na, alle, die‘ s interessiert.“

„Na, alle erreichst du ja eh nicht.“

„Eben. Deswegen, alle, die‘ s interessiert und diese sollten zumindest meine Inhalte verstehen können. Meine Oma soll‘ s verstehen können, meine Eltern, meine Freunde, meine jüngeren Geschwister und am besten auch alle außerhalb meines Bekanntenkreises, die mich persönlich nicht kennen. Wenn ich das hier schon mache, dann natürlich für alle.“ 

„Wie war das mit den Ambitionen? Wenn es alle verstehen sollen, musst du eine einfache Sprache wählen und leichte Sprache ist eine Wissenschaft für sich.“

„Wenn du‘ s weiter denkst, dann müsste ich auch alles noch in alle Sprachen übersetzen lassen, eine Vorlesefunktion haben, Print-Versionen für Menschen ohne Internet … so viele Möglichkeiten.“

„Zu viele Möglichkeiten. Deswegen ja eingrenzen.“

„Aber ich mag Grenzen nicht! Vielleicht schreibe ich einfach, wie ich denke und wie ich‘ s erzählen würde.“

„Ist aber schon ’n bisschen unseriös…“

„… aber verständlich.“

„Und authentisch. Authentisch ist gut für Influencer, Authentizität mag die Community.“

„Community.. die muss sich ja auch erst bilden.

„Nein, die muss sich nicht bilden. Die musst DU aufbauen! Du musst verschiedene Kanäle bedienen und auf deine Sachen hinweisen. Aktiv und regelmäßig in verschiedenen Darstellungsformen, Hauptsache hip, damit die Leute auf dein Zeug stoßen und du sie erreichst.“

„Aber… dann muss ich ja voll viel Social Media – Krams machen.“

„Ja, klar, ohne geht‘s nicht. Ohne Website bist du schon quasi nicht existent. Aber ohne Social Media?! Come on! Dann kannst du‘ s gleich lassen.“

„Aber… dann hänge ich selbst ja mega viel im Internet rum und socialmedia dauerhaft durch meine Tage! Ich lege das Handy dann ja noch weniger weg, als bisher?! Und wann mach ich dann meine eigentliche Arbeit?“

„Na… gleichzeitig… du dokumentierst ja dein „Work in progress“. Hinter die Kulissen schauen, das mögen die Leute auf Social Media!“

„Aber…dann wird‘s auch schnell persönlich. Will ich, dass viele Menschen mich persönlich kennen? Mich übers Internet suchen, konsumieren, diskutieren und erreichen können?“

„Das ist unerlässlich! Wie sollen dich die Leute denn sonst buchen? Oder sich mit dir austauschen? Das dient ja der Sache! Geldverdienen willst du ja auch!“

„Ja! Aber es soll doch kostenlos für die Leute sein. Bildung sollte kostenlos sein!“

„Ja und wie willst du überleben? Ein bedingungsloses Grundeinkommen gibt es nicht!“

Crowdfunding?“

„Und genau dazu musst du bekannt sein und die Leute müssen dich erreichen können.“

„Also muss ich Vertreterin der Sache werden?“

„Gesicht zeigen, Stimme, Haltung und das Projekt repräsentieren.“

„So… vor Kameras und Mikrofonen? Ich finde das immer so komisch in ein Gerät zu sprechen und nicht ins Gesicht, damit dann anschließend die Bildeinstellung unpraktisch für mich ist und sich meine Stimme komisch anhört.“

„Da musst du drüber stehen, das sagst du deinen Jugendlichen auch immer. Denn ja, du musst dich der Öffentlichkeit zeigen.“

„…Und dann für IMMER im Internet stehen? Das Internet vergisst ja nicht…und es wird ja nicht nur mein Gesagtes aufgezeichnet. Es wird ALLES gespeichert und ALLES analysiert. Nicht nur die Inhalte, dich ich veröffentliche und die von Menschen gesehen werden. Auch mein gesamtes digitales Verhalten wird von Algorithmen und Analysten von Firmen und staatlichen Einrichtungen aufgezeichnet und gespeichert.“

„Sei mal nicht so paranoid, du hast doch nichts zu verbergen?!“

„Natürlich hab ich was zu verbergen!! Und das ist ganz normal und gut so! Ich hab keinen Bock, dass jeder über mein Innerstes Ich bescheid weiß und mich mit einem Klick abrufen kann. Ich möchte entscheiden können, wem ich mich und meine Gedanken anvertraue, meine Impulse, meine Interessen. Vielleicht hab ich ja eine, die ich nicht unbedingt erzählen möchte, die ich lieber still für mich online recherchiere – da möchte ich weder, dass mein Suchverhalten analysiert wird, noch dass alles für Werbung und Profile ausgenutzt wird. Das empfinde ich als enorm übergriffig. Ich will nicht, dass meine Anrufe gespeichert und gehört werden, auf meine Fotos und Videos und Nachrichten zugegriffen werden kann, Sachen im Hintergrund mitlaufen und zu jeder Zeit eingesehen werden kann wo ich war und was ich mit wem gemacht habe usw. Das ist meine Privatsphäre, mein intimstes Leben und meine Freiheit! Das ist ein Grundprinzip und da kann ich doch wohl auch erwarten dass das geachtet wird. Und es geht auch nicht nur um mich. Der Zugriff betrifft ja auch all meine anderen Kontakte. Und selbst wenn bei mir nur harmloses Zeug zu finden ist, vielleicht bei einem meiner Kontakte nicht?! Ich bin auch Journalistin, ich habe die Aufgabe des Quellenschutzes, Ich habe die Aufgabe, mich umfangreich zu informieren und manchmal auch mit sensiblen Material zu arbeiten… und abgesehen davon möchte auch meine Familie und Freunde geschützt wissen- wie jeder andere Mensch auch.
Da wird es quasi unmöglich, die digitale Kommunikation zu nutzen. Überhaupt einen Computer, ein Smartphone….“

„Zurück in die Steinzeit um frei zu sein?“

„Traurig, oder?“

„Ja.“

„Ja.“

„Im Grunde gehört mir gar nichts (mehr), was ich digital/ elektronisch erarbeite, vor allem nicht mit einem PC, einem Bearbeitungstool oder einem Smartphone. Das ist alles eine Illusion.“

„Na, wenn alles eh nur eine Illusion ist, solltest du vielleicht drauf scheißen, so wie alle anderen auch. Das Dilemma einfach ignorieren und trotzdem machen.“

„Das muss ich auch! Sonst werde ja noch paranoid und würde es lassen! Und könnte nur noch ins Einsiedlertum in tiefste Waldtäler auswandern, wo mich kein Signal erreicht.

„Na.. Einsiedlertum muss es vielleicht nicht sein, reicht vielleicht ja auch das nächste Funkloch…“

„Kann ja mal auf der Funklochmelde-App nachsehen.“

„:D 😀 😀 😀 „

„Emojis sind hässlich.“

„Och ich finde sie eigentlich ganz cool“

„Aber es wirkt so gewollt jugendlich oder?“

„Ja ok. Aber wie soll ich denn sonst Emotionen vermitteln?“

„Ironie verstehen die Leser* nie…“

„Eben! Und es wird kontrovers diskutiert und Texte ausgelegt…“

„Wir hatten beschlossen, dass du das alles ausblendest und einfach machst. Denn dann machst du endlich mal! Das willst du ja!“

„Ja… Ja was heißt wollen.. es ist eher das Gefühl zu müssen, denn ich hab schon echt viel in dem Bereich gelernt, das ich a) gerne aufbereiten und b) gerne zur Verfügung stellen würde. Und wenn ich nichts sage, dann sagt es vielleicht jemand anderes und der sagt es falsch. Aber was mach ich, wenn ich in all das reingezogen werde? Die Shitstorms, die öffentlichen Diskurse, du bist dem allen ausgesetzt. So viel Hass. So viel lähmende Trollerei, Besserwisserei, Ideenklau, Streiterei…“

„…Ja, das erfordert Mut. Und ein dickes Fell.“

„…So viel Zeit im Internet mit Menschen, die ich nicht kenne…“

„Klar, das gehört dazu.“

„…Und mich auch noch von denen zunölen lassen…“

„Jop.“

„… und verbessern lassen…“

„Jop.“

„…und mich erklären und rechtfertigen müssen…“

„Jop.“

„…im Extremfall sogar Angst haben müssen…“

„Najaaaa… mensch muss ja nicht immer gleich in Extremen denken.
Und hey, Shitstorms können auch Fame und Solidarität mit sich bringen, yeeey…“

„…yeeey… warum ist das so?“

„Weil Menschen so sind. Weil sie denken, sie sind anonym im Internet.“

„Aber gerade eben haben wir doch aufgeschlüsselt, dass fast gar nichts mehr anonym ist, dass all dein Tun aufgezeichnet wird…“

„Aber das ist eben nicht so klar! Viele wissen noch zu wenig darüber und die meisten wollen auch gar nichts drüber wissen, sonst kommt die Paranoia… und dann kommt noch die Hilflosigkeit und die Faulheit dazu, die Langeweile und die Macht. Oder es ist ihnen einfach egal. Wie es dir auch sein sollte.“

„Aber es ist nicht egal! Vor allem dann nicht, wenn wir bei all dem vergessen, dass wir Menschen sind!“

„… haben wir das jemals in Erinnerung behalten?“

„Zynisch.“

„Klar. Resigniert. Wir waren bei der Solidarität stehen geblieben.“

„Die gibt‘s natürlich auch. Die lieben Menschen…“

„…die ernsthaft an den Inhalten interessiert sind. Die lernen wollen.
Die unterstützen und anregen. Für die machst du das ja letztendlich und für dich. Klar, Menschen sind böse. Sie sind aber auch gut. Die Welt ist böse. Sie ist aber auch gut. Und wenn die guten Menschen still sind und nicht für die gute Welt sprechen – was bleibt dann? Was kann sich dann verändern? Außerdem sind „die Bösen“ ja eigentlich auch nicht die Mehrheit.“

„Wieso wiegt der Hass immer schwerer als die Liebe?“

„Weil der Mensch so ist.“

„Aber waruuummm?

„Hör auf, nach dem Warum zu fragen, sonst wirst du verrückt. Und hör auf, über all dem Zeug zu grübeln und mach einfach!“

„Also scheiß drauf und aktiv werden? Auf meine Art teilhaben und einfach probieren, mal machen, solange es irgendwie geht? Und mal schaun, was es so wird? Es sich entwickeln lassen?“

„Ja, einfach machen. Einfach teilhaben eben. So, wie du die letzten Jahre Menschen direkt dabei geholfen hast, ihre Stimme in den Medien zu finden. Jetzt kannst du noch viel mehr Menschen erreichen und auch deine eigene Stimme finden, auch selbst das Gefühl haben, aktiv etwas zu tun, was dir Freude bringt.“

„Also los?“

„Sag du‘s mir.“

„Ja, los!“


0 Comment

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.