Menu

Schüliredaktion 2.0

Teil 2: Wie’s läuft, wenn’s läuft

Für mich gab es während meiner Arbeit in Kinder- und Jugendredaktionen nichts bewegenderes, nichts großartigeres, als die Arbeit und die Entwicklung der „Kids“ zu sehen.

Der Instagram Account von Jugendredaktionen (hier Bärenstark) gibt Einblicke in professionelle Medienarbeit von Jugendlichen

Bevor es also um die Methodik geht, wie eine Schüliredaktion zum Laufen gebracht werden kann, möchte ich erst das Ende vorweg nehmen, damit wir wissen, worauf wir hinarbeiten. Schließlich ist das eine Sache, die uns der moderne (crossmediale) Journalismus lehrt und auch die Pädagogik: Erst das Thema, dann dein Medium – Denke vom Lernziel aus, um die Methodik anzupassen. Deswegen geht es in diesem 2. Teil genau darum: Um die großartigen Geschichten und Fähigkeiten der Jugend und darum, warum wir das eigentlich alles machen – für die Jugendlichen und (uns) die Teampersonen.

Übrigens: Im MekoTalk Podcast habe ich mit Laura (ehem. DIGGA-Redaktionsmitglied) über diese Zeit reflektiert. Was die Jugendredaktionsarbeit Jugendlichen bringen kann, könnt ihr hier nachhören.

Spoiler am Rande : Dieser Artikel strotzt vor Anschauungsmaterial und Beispielen für die eigene Inspiration.

Redaktionelle Arbeit mit Jugendlichen

Anmerkung am Rande: In diesem Artikel schreibe ich vor allem aus meinen Erfahrungen als Projektleiterin und -Entwicklerin der Jugendredaktion DIGGA. DIGGA ist ein außerschulisches, offenes Angebot, ist Teil eines professionellen Medienhauses, das all die Infrasturktur zur Verfügung stellt wie zB einen WordPressblog, TV-Slots, Radioslots, Social Media, Technik, Räumlichkeiten, etc. Die Gruppenanzahl im Kernteam sind ca 6 – 8 Jugendliche im Alter von 12-18 Jahren. Redaktionssitzungen finden 1x/Wo statt und dauern 2h. Zusätzlich kommen ab und an weitere Produktionstreffen in der Woche dazu.

In meinen ersten Redaktionssitzungen bei DIGGA hatten weder die Jugendlichen noch ich eine genaue Vorstellung davon, was wir eigentlich tun sollten. Wir versuchten uns an Straßenumfragen, kurzen, lustigen Sport- Videos und passenden Blogartikeln dazu und wurden mit der Technik langsam vertraut. Alles änderte sich mit dem Wunsch, etwas über YouTube zu machen. Für mich war YouTube damals nicht mehr als MTV und eine Tutorialsammlung – und ich war anfang 20. Für die Jugendlichen aber war es ein riesen Thema, es war zu der Zeit, als die ersten Influencer!nnen das Internet eroberten. Sie warfen mit Namen um sich, die ich noch nie gehört hatte (LeFloid, Space Frogs, Marie Meimberg, LiontTV – na?) und allgemein verstand ich auch nicht, was das alles sollte und was sie daran fanden.

Doch es war ihr Thema und meine Aufgabe ihnen zu ermöglichen, ihr Thema zu bearbeiten. Deswegen begann ich zu fragen und zu Hause mir die ganzen YouTube-Channels reinzuziehen. Ich begab mich in ihre Lebenswelt, als Journalistin und Begleitperson der Jugendlichen, aber auch für mich persönlich- ich wollte „meine“ Jugendlichen verstehen! Und nicht nur ich sollte verstehen: Alle sollten „die Jugend und YouTube“ verstehen können! Wir hatten unser erstes großes gemeinsames Thema gefunden.

Die Jugendlichen brachten also das Wissen, ich das journalistische Handwerk, wir arbeiteten auf Augenhöhe zusammen als Redaktionsteam, lernten mit und voneinander und beleuchteten so viele Seiten des Phänomens, wie möglich: Wir besuchten eine kreischende Teenie-Autogrammstunde, wir besuchten ein entspanntes Kino-Community-Event, wir gingen zu einem Fantreffen und und und . Vorrangig machten wir Interviews, Moderationen und Schnittbilder und schnitten daraus Videos. Die Videos fassten wir in halbstündigen TV-Sendungen zusammen.

Das tolle an Geschichten mit viel Inhalt – du kannst sie auch multimedial erzählen, also verschiedene Medien verwenden. Also wagten wir uns an die „Königsdisziplin“ des Journalismus: Die Webreportage (auch Multimediareportage genannt). Nach etwa 1 1/2 Monaten (= ca. 6 Produktionstreffen ) entstand die erste gemeinsame Geschichte: Von Löwenkindern und Essstäbchen: YouTuber und wir.

#Hintergrundwissen Journalismus: Bei einer Multimediareportage kommen in einer Geschichte verschiedene Medien zusammen. Das Leitmedium ist meist der Text, ergänzt durch Fotos, Videos, Sprachaufnahmen, Grafiken, etc. Die Multimediareportage hat im Online-Journalismus verschiedenste Formen, die abhängig vom Thema, den technischen Möglichkeiten und dem Zeitaufwand sind. Ein paar Einblicke zu professionellen Multimediareportagen gibt es zum Beispiel hier.

#Anmerkung für Pädagog!nnen: Mit der Arbeit an einer Multimediareportage wird enorm viel gelernt: Planen, ein Konzept erstellen, sich längerfristig mit einem Thema beschäftigen, recherchieren, schreiben, fotografieren, filmen, moderieren, präsentieren, schneiden, nachbearbeiten, Umgang mit verschiedenen Medientechniken, im Team arbeiten, Verantwortung übernehmen, Fragen stellen, fremde Menschen kontaktieren und interviewen, direkt vor Ort produzieren, Umgang mit Terminen und Deadlines, Umgang mit dem Fehlerteufel, kreative Wege suchen, Kritikfähigkeit, Veröffentlichung auf diversen Plattformen, ein Thema mehrmals verwenden, das eigene Thema darstellen, Selbstvertrauen und Selbstwirksamkeit und bestimmt noch einiges mehr.

Nach dieser Arbeit war der berühmte Groschen gefallen: Bei den Jugendlichen ploppte eine interessante Frage nach der anderen auf- die Themen wurden tiefer, gesellschaftskritischer, politischer. Auch ich als Teamerin entwickelte mich, denn ich verstand: Jugendliche wollen und sie können auch, sie müssen nur wissen wie und brauchen ab und an erwachsene Personen, die genauso neugierig sind und auch lernen wollen, die ihnen ein paar Türen öffnen und ihnen den Weg bereiten – bis sie’s sowieso alleine können – oder die Gesellschaft sie halt mal machen lässt.

Zu der Zeit bekam ich auch als Teamerin neue Unterstützung von einer Praktikantin der Sozialen Arbeit und lernte, wie wichtig die Verknüpfung dieser beiden Arbeitsfelder ist. Denn mit dem Begreifen der technischen und erzählerischen Möglichkeiten und der immer enger werdenden Bindung in der Gruppe kamen die tiefen, sensiblen Themen der Jugendlichen auf, die Herzensthemen. Um einen Raum zu schaffen, worin sich die Jugendlichen wohl und sicher fühlen und es auch sind und für eine ausgewogene Auseinandersetzung mit sensiblen und emotionalen Themen, braucht es Einfühlsamkeit, Arbeit auf Augenhöhe, das Einlassen auf die Charaktere, die Entwicklungsaufgaben und Lebenswelten der Jugendlichen und auch und ein Bewusstsein der eigenen Rolle.

„Warum benutzen wir immer noch schwul und behindert als Schimpfwort?“, „Wieso werden Menschen mit Behinderung ausgeschlossen?“, „Warum gehen wir nicht gerne zur Schule, wenn Bildung wichtig und ein Privileg ist?“, „Wieso lerne ich erst so spät in der Schule, was Demokratie ist?“, „Wieso erstarkt rechts wieder?“, „Was ist denn eigentlich normal?“…, ich könnte die Liste stundenlang weiter führen. Wir erarbeiteten die umfangreichen Webreportagen „Oh, du bist hetero?!“ zu Gender-Fragen und „Hey, du Spaßt“ zum Leben mit Behinderung. Natürlich machten wir nicht nur die „harten Sachen“ – Egal was, alle Themen waren erlaubt. Wir machten Fotoshootings zu verschiedenen Musik-Genre, fanden heraus, was Horrorfilme gruselig macht, schrieben unsere eigene „AssiTV-Idendität“ und feierten Geburtstag und Weihnachten.

Egal ob kleine oder große Themen, egal ob in Einzelarbeiten, in Klein – oder Großteams, im Studio oder Live bei Events oder auf Reportage-Drehs, die Jugendlichen produzierten. Und wie sie produzierten! Die Arbeiten wurden immer besser, die Teams fanden sich, sie arbeiteten mit den verschiedensten Menschen zusammen, egal ob arm, ob reich, ob aus Berlin, zugezogen, oder mit Fluchthintergrund, ob berühmt oder Noname, ob im Rollstuhl, oder mit eigener Wahrnehmung, egal welche Vorlieben und Merkwürdigkeiten, egal wie groß das KnowHow… wir schufen einen gemeinsamen Ort zum Austausch und zum (Medien) Machen. Die Arbeit mit den unterschiedlichen Medien und den verschiedenen Themen, die sie alle betrafen und interessierten, brachte die Jugendlichen zusammen. Und ich kann sie bis heute nur bewundern und ihnen meinen vollen Respekt erweisen. Denn ich stand nicht vor der Kamera, ich sprach nicht in all die Mikrofone mit all den Menschen, ich filmte nicht stundenlang und schrieb all die Artikel und schnitt all die Videos mit den ganzen grandiosen Effekten. Das waren alles sie selbst. Und das ist so großartig. Und ich lernte so viel.

Die großen Arbeiten an den Webreportagen waren meist langfristig auf mehrere Wochen und Monate verteilt und nicht alle hatten immer gleich viel Zeit und Lust daran zu arbeiten. Recht schnell ging es dann an die persönlichen Projekte, die entweder komplett selbst entwickelt wurden, oder teilweise noch mit meiner Hilfe im Konzept. Es gab:

* eine weitere Artikelserie zu YouTube
* eigene Radiosendungen (Dunkelfunk, Sprachantenne,…)
* Podcasts (Abenteuer Ehe)
* Filmproduktionsfirmen (Lifi Medienproduktion)
* YouTube-Serien (Politik für dich und mich, Digga philosophiert)
* eigene Kurzfilmproduktionen (Weißt du noch?)

* weitere spannende thematische Auseinandersetzungen mit Feminsmus, Political Correctness, Bildung, Lebensphilosophie, Flucht, politische Systeme und und und.

Die Jugendlichen produzierten meist auch nicht nur für ein Medium oder eine Redaktion, sondern probierten sich in dem aus, was sich fürs Thema eignete und worauf sie Lust hatten.

Anmerkung am Rande: Mir ist schon klar, dass sich das alles wie eine Schwärmerei liest. Ist es auch. Und es ist wahr. Was Jugendliche leisten können, wenn sie einfach nur die Möglichkeiten und die Unterstützung bekommen, ist der Wahnsinn. Im Grunde wären sie in der Lage, ihr eigenes, unabhängiges Mediensystem zu schaffen und ein gesellschaftliches Zusammenleben darüber hinaus, behaupte ich jetzt mal frech. Wenn „die Erwachsenen“ sie nur lassen würden. Ihnen zuhören würden. Ihnen vertrauen würden. Ihnen was zutrauen würden. Solange ich mit jungen Menschen arbeite, solange kämpfe ich schon für sie mit den Strukturen. Ich kämpfe für technische Ausstattung und Infrastruktur (Räume, gute Technik, Arbeitsmaterialien etc.). Ich kämpfe für Personal aus dem sozialen UND dem Medienbereich, das zusammen unter fairen Arbeitsbedingungen für die Jugendlichen da sein kann. Ich kämpfe für Anerkennung und Wertschätzung der Arbeit der Jugendlichen und ihrer Begleitpersonen (z.B. durch Retweets, teilen und präsentieren der Beiträge durch Erwachsene). Ich kämpfe um die Aufwertung ihrer Themen (auch wenn sie nicht 100k Klicks erhalten). Ich kämpfe dafür, dass sie überhaupt gesehen werden können (nicht nur intern, nicht nur für sie selbst), und dass sie überhaupt die Möglichkeit zum Medien machen bekommen (sie klettern trotzdem noch auf Bäume). Ich kämpfe für die Gleichstellung der Jugend in den „Erwachsenen Strukturen“ (dh die Jugendredaktion ist eine gleichberechtigte Abteilung in einem Medienunternehmen und der Schüliblog ist das Medium der ganzen Schule). Und ja, es ist ein harter Kampf mit den Strukturen. Leider. Könnte gern einfacher sein.

Diese Arbeit hat mich in besonderem Maße geprägt, ich kann’s und will‘ s gar nicht oft genug sagen. Ich lernte zu dieser Zeit meinen neuen Arbeitsbereich kennen und wusste, dass ich das eine ganze Weile weiter machen will: Menschen nicht nur eine Stimme geben, sondern ihnen aktiv dabei helfen ihre eigene Stimme zu finden und zu nutzen. Ich habe den Eindruck, vieler „meiner“ Jugendlichen ging es auch so, denn die meisten, die mit mir bei DIGGA waren, sind nach der Schule in die Bereiche gegangen, die sie damals angefangen haben. Sie studieren beispielsweise Politikwissenschaften, Filmwissenschaften, Publizistik/ Kommunikationswissenschaften, Philosophie und Germanistik, machen Praktika bei Medienunternehmen, geben Workshops zur Social Media- Nutzung, machen FSJs bei Jugendmedienmessen oder in Einrichtungen mit Menschen mit Beeinträchtigung, sie moderieren, fotografieren, filmen, haben ihre eigenen Firmen und weiterhin ihre eigenen Medienprojekte.

Anmerkung am Rande: Wie das eigentlich alles finanziert wird? Beispielsweise durch Rundfunkgebühren! Das ist leider nicht so bekannt, aber ja, ein kleiner Teil der Gebühren geht an die Landesmedienanstalten und damit auch an so manche Medienkompetenzzentren, Medienkompetenz-Projekte und auch Aus- und Fortbildungsangebote für Alle.

#Hinweis für Pädagog!nnen und Jugendliche:  Ein außerschulisches Schülizeitungsangebot eignet sich sehr gut für Einblicke in die journalistische Arbeit und -Realität. Vor allem, wenn es keine vergleichbaren Angebote an der Schule gibt oder auch über ein Praktikum im Journalismus nachgedacht wird. Meistens sind die Angebote offen zum einfach vorbeikommen und einfach mal machen. DIGGA ist nicht das einzige außerschulische Schülizeitungsangebot in Berlin. Es gibt z.B. n politikorange der Jugendpresse, die Redaktion Jup und das Kiezkunstmagazin Paroli. Es Natürlich gibt es auch spezifische Angebote wie das Projekt MPOWER oder Jugendredaktionen, die sich nur zu einem bestimmten Event bilden, wie die Bärenstark-Redaktion zur Berlinale.

2 Comments

2 thoughts on “Schüliredaktion 2.0”

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.